In Gazellah Bruders Worten ist Kunst Leben: „Art is life“. Sie hat die Kraft, unser Bewusstsein und unser Handeln zu verändern. Mit ihrer künstlerischen Arbeit trägt sie dazu bei, dass die Bewohner:innen der Meere gehört und gesehen werden. Sie gibt ihnen eine Stimme – denn sie können nicht für sich selbst sprechen. Gleichzeitig ruft sie uns Menschen dazu auf, mehr Empathie, Mitgefühl und Verantwortung für das Wohlergehen von Tieren und Pflanzen im Meer zu übernehmen. Wir haben ihnen bereits großen Schaden zugefügt – es ist Zeit, dass wir handeln und unsere Meere schützen!
Das folgende Voicerecording von Gazellah (auf Englisch) gewährt einen berührenden Einblick in die Ideen, die sie bei der Gestaltung ihres Wandbildes zum SDG 14 „Leben unter Wasser“ inspiriert haben. Direkt unter dem Wandbild sind zudem alle Fragen und Antworten zu Gazellahs persönlichen Hintergründen und zum Entstehungsprozess des Wandbildes auf Deutsch übersetzt.
Vielen Dank an Gazellah für diese wertvollen Einblicke!
Interview mit Gazellah Bruder
(Das Interview wurde gekürzt und redaktionell bearbeitet.)
Könntest du dich bitte kurz vorstellen und etwas über deine Arbeit und dein Leben als Künstlerin in Papua-Neuguinea erzählen?
Mein Name ist Gazellah Bruder. Ich bin bildende Künstlerin aus Papua-Neuguinea und arbeite als Grafikerin, Malerin und Bildhauerin. Das Leben als Künstlerin hier ist herausfordernd, aber zugleich sehr erfüllend – man muss wirklich lieben, was man tut. Ich gebe nicht auf und sehe meine künstlerischen Fähigkeiten als Segen. Für mich ist es ein großes Privileg, Kunst zu schaffen, die inspiriert und auch provoziert. So entstehen Gespräche über Themen, die mich und andere bewegen. Diese Freiheit und der Austausch mit Menschen, die meine Werke betrachten, geben mir eine Zufriedenheit, die ich in einem gewöhnlichen Beruf nicht finden würde.
Was bedeutet Kunst für dich?
Kunst ist für mich Leben. Sie spiegelt meine Erfahrungen wider und gibt ihnen Ausdruck. Ich nehme nichts als selbstverständlich hin – alles kann zur Inspiration werden. Ohne Kunst könnte ich mir mein Leben nicht vorstellen. Sie ist meine Plattform, um mit anderen in Kontakt zu treten und mich zu Themen zu äußern, die mir wichtig sind, auch wenn sie schwierig oder sensibel sind.
Glaubst du, dass sich die Gesellschaft durch Kunst verändern lässt?
Ja, absolut. Kunst ist ein zentraler Ausdruck menschlicher Existenz. Sie ermöglicht es uns, Gedanken, Gefühle und Überzeugungen sichtbar zu machen. Ob Schreiben, Malen oder Drucken – all das sind Formen von Kunst. Viele Menschen unterschätzen, wie sehr kreative Prozesse ihr Leben prägen. Selbst Alltagsgegenstände wie Tische, Tassen oder Telefone entstehen aus kreativen Ideen. Diese Gestaltung beeinflusst, wie wir leben und uns verhalten. Kunst hat daher schon immer gesellschaftliche Entwicklungen mitgeprägt und wird das auch weiterhin tun.
Würdest du dich selbst als politische oder Umweltaktivistin bezeichnen?
Ja, das würde ich. Wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, erkenne ich, dass meine Arbeit immer von gesellschaftlichen Themen geprägt war. Anfangs standen vor allem Geschlechterfragen im Mittelpunkt, doch mit der Zeit hat sich mein Blick erweitert. Heute beschäftige ich mich mit sozialen, politischen und ökologischen Themen, die alle miteinander verbunden sind.
Ich sehe es als meine Aufgabe, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und daran teilzunehmen. Ich führe vielleicht keine Demonstrationen an, aber ich kann durch meine Kunst Stellung beziehen und Themen sichtbar machen, über die oft nur schwer gesprochen wird. Ich möchte nicht passiv bleiben, sondern aktiv an gesellschaftlichen Diskussionen teilnehmen.
Heute sehe ich meine Rolle weniger als die einer Künstlerin, sondern versteh mich eher als Mensch. Und als Mensch ist es mir wichtig, Mitgefühl für alle Lebewesen zu entwickeln, die keine eigene Stimme haben. Menschliches Handeln hat direkte Auswirkungen auf die Erde und auf alles Leben – und letztlich auch auf uns selbst. Alles ist miteinander verbunden. Wir haben nur diesen einen Planeten und unsere begrenzte Lebenszeit und müssen diese nutzen, Um Verantwortung zu übernehmen und das Leben auf der Erde zu schützen.
Bitte erläutere den künstlerischen Entstehungsprozess des Wandgemäldes. Wie kam es zu der Idee, was ist darauf zu sehen und welche Techniken hast du verwendet?
Die Idee für das Wandbild entstand während eines dreimonatigen Aufenthalts in Leipzig, wo ich mich als „Artist in Resident“ intensiv mit Dekolonialisierung, Identität und partizipativer Restitution beschäftigte. Diese Themen haben mich stark geprägt – insbesondere die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialzeit im Pazifikraum und dem Umgang der Kolonisatoren mit kulturellen Artefakten. Sie haben einfach ganz viel weggenommen, was für die lokale Bevölkerung von Bedeutung war. Ohne Erlaubnis, ohne Entschädigung.
Gleichzeitig wurde ich eingeladen, ein Wandbild in Hamburg zum Thema „Life Below Water“ (SDG 14) zu gestalten. Als ich darüber und unseren Ozean nachdachte, wurde mir bewusst, wie eng diese Themen miteinander verbunden sind. Als Bewohnerin einer Pazifikinsel weiß ich, wie essenziell der Ozean für alles Leben ist. Doch menschliche Aktivitäten wie Umweltverschmutzung, Klimawandel, Abholzung und Ressourcenabbau haben dieses empfindliche Gleichgewicht massiv gestört.
Mir wurde klar: Wir Menschen können sprechen und handeln – andere Lebewesen nicht. Die Tiere des Ozeans können sich nicht gegen die Zerstörung ihrer Lebensräume wehren. Daraus entstand die Idee, das Wandbild als einen Aufruf zum Handeln zu gestalten. Es soll daran erinnern, dass wir Verantwortung tragen und für diejenigen eintreten müssen, die keine Stimme haben.
Das Bild zeigt verschiedene Meereslebewesen wie Korallen, Fische und Schildkröten. Jedes Element ist bewusst gewählt und steht symbolisch für die Schönheit und Verletzlichkeit des Ozeans. Es geht mir nicht um ein rein dekoratives Werk, sondern um eine Botschaft: Menschen sollen innehalten, hinschauen und sich angesprochen fühlen. Vielleicht inspiriert es jemanden, die Schönheit des Ozeans selbst zu erkunden, in seine Wasser ein zu tauchen – und ihn zu schützen. Und wenn es nur eine einzige Person ist von den Tausenden von Menschen, die das Bild betrachten werden.
Mir ist wichtig zu betonen, dass diese Verantwortung global ist. Sie betrifft die Menschen in Nordeuropa, in Deutschland und in Hamburg genauso wie uns im Pazifik. Auch Menschen, die weit entfernt vom Meer leben, sind Teil dieses Systems. Flüsse münden im Meer. Alles ist miteinander verbunden.
Für die Umsetzung habe ich verschiedene Techniken kombiniert. Ich arbeitete mit Aquarellfarben, hab eine Lasur auf Druckpapier erstellt und die Motive anschließend digital weiterentwickelt. Alle dargestellten Tiere habe ich selbst anhand von Fotos gezeichnet, ohne den Einsatz von KI. Das erforderte viel Recherche. Durch das Zusammenspiel von warmen und kühlen Farben und die sorgfältige Ausarbeitung der Details entstand eine durchdachte Komposition. Nichts daran ist zufällig – jedes Element ist Teil eines größeren Zusammenhangs.

