Story zum SDG 16: Frieden und Gerechtigkeit

„Der Traum ist aus, aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird…“ (Rio Reiser, 1972) 

Für diesen Sommer hatten wir eigentlich das SDG 4 „Hochwertige Bildung“ für das nächste Wandbild vorgesehen. Doch es schien uns viel dringlicher oder fast unausweichlich, dass wir uns einem anderen Themenfeld zuerst widmen: den Hintergründen der zunehmenden globalen Krisen und Kriege, der wachsenden Ungleichheit, den demokratischen Erosionsprozessen und gesellschaftlichen Spaltungen. Also zogen wir das SDG 16 „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“ vor. Wann, wenn nicht jetzt, kann ein Wandbild zu diesen Themen ein Zeichen setzen?

So starteten wir mit unseren Fragen und unserer Recherche: Was heißt überhaupt Frieden? Gibt bzw. gab es jemals Frieden zwischen den Menschen? (Wie) Lässt sich in einer zunehmend konfliktgeprägten Zeit ernsthaft über Frieden reden? Wie schafft oder findet man Frieden und wieviel Naivität oder Unschuld passt in einen Willen zum Frieden? Welche Rolle spielen Gerechtigkeit und starke Institutionen im Friedensprozess? Und was passiert, wenn der Begriff „Frieden“ dann verwendet wird, wenn gesellschaftlicher Unfrieden entsteht?

Während wir uns mit diesen großen Fragen befassten, kam eine Begegnung zustande, durch die wir einen viel direkteren und persönlicheren Zugang zum Thema fanden:
Anfang des Jahres 2026 erfuhren wir von der baldigen Ankunft des syrischen Künstlers Khaldoun Shadoud in Hamburg. Als bildender Künstler mit Schwerpunkt auf Bildhauerei hat er sich in seiner bisherigen künstlerischen Arbeit und in seinem Leben intensiv mit den Themen Veränderung und Wandel, Krieg und Frieden, Freiheit und Flucht auseinander gesetzt und auseinander setzen müssen. In Syrien arbeitete er unter anderem mit den Vereinten Nationen und verschiedenen kirchlichen Trägern zusammen. Er kam für uns wie gerufen und wir fragten ihn, ob er sich der herausfordernden Aufgabe stellen wollte, die Fragen und Auseinandersetzungen zu den Themen Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen auf einem Wandbild sichtbar zu machen. Und ja, er hat sich gestellt! Auf für uns beeindruckende Art und Weise hat er dieses komplexe Themenfeld auf 28 m² im neuen Wandbild zum SDG 16 umgesetzt.

Frieden beginnt mit einem Gespräch

Gespräche gab es einige. Sie waren tiefgehend, aufrüttelnd, zum Teil bahnbrechend und vielleicht für uns alle sehr berührend. In unseren Treffen mit Khaldoun Shadoud haben wir uns über unsere verschiedenen Perspektiven und Erfahrungen, Lebenswege und Meinungen und damit auch über das UN-Nachhaltigkeitsziel 16 ausgetauscht.

Khaldoun Shadoud sammelte zudem außerhalb unserer kleinen Runde Eindrücke und Perspektiven – in Hamburg und bei Freund:innen und Familie in anderen Teilen dieser Welt. Wichtig waren ihm dabei zwei Fragen, die sich einerseits mit der theoretischen und andererseits mit der individuell-emotionalen Ebene von Frieden befassten:

  1. „Wie definierst Du Frieden?“
  2. „Gab es für Dich persönlich einen Moment, in dem Du (tiefen) Frieden erlebt hast? Falls ja, kannst Du diesen Moment beschreiben?“

Was er von seinen Erfahrungen berichtete, berührte uns sehr. In den Reaktionen der Befragten wurde vor allem eins deutlich: Auch in den bedrohlichsten Lebenssituationen kann es für Menschen Momente des Friedens geben.

Die vielen Gespräche setzte der Künstler in verschiedene Entwürfe, Skizzen und Bildideen um, die wir teilweise gemeinsam besprachen. Sie mündeten schließlich in einer spontan entstandenen Kohlezeichnung und da war‘s: das neue Wandbild „Frieden und Gerechtigkeit“.

Khaldoun Shadoud beschreibt den Entstehungsprozess so:

In the beginning I had a vision about what I wanted to create and what I wanted to say and a plan how to create it. But what came up at the end was something unprepared. After reading the daily international news on social media, my hand started moving on the paper, the lines crossed and the shapes started to appear… saying what I avoided to say…  I decided to use it as it is… raw and honest.

„Fachgespräch“ in der Geschichtswerkstatt St.Pauli

Um ein paar erste Reaktionen und Gefühle zu dem Bild einzufangen, luden wir noch vor der Bildinstallation Menschen aus sehr unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen in die Geschichtswerkstatt St. Pauli (St. Pauli Archiv e.V.) zu einer Preview des Bildes und einem Austausch zum Thema ein (einem sogenannten „Fachgespräch“). Nach einer kurzen Einführung wurde das Bild an die Wand projiziert und die Reaktionen zeigten es deutlich: es sprach zu jeder und jedem im Raum.

Einige unmittelbare Reaktionen waren:

  • „Very powerful, surprising, disturbing… and a strong call for action.“
  • “I am afraid of the eyes – they tell me: Do something!”
  • „It has so many layers: it is provoking, fascinating and there is disruption in it.“ 
  • „The bird is talking to me. I feel it in my body. I need to dance with that bird.“
  • „The illusion of peace we had, does not exist anymore…“
  • “It makes me laugh and cry at once.”
  • „This picture goes directly from your subconscious into mine.“
  • „Even if the white dove is not shown – it is present anyway.“

Im Laufe des Gesprächs wurden unterschiedliche Interpretationen, Wirkungen und Gefühle geschildert, Eindrücke und Meinungen geteilt. Das Bild hat alle berührt. Auf die Frage: „Khaldoun, what reactions do you wish to create with this picture?“ antwortete er

I want to provoke questions about peace in our times and create awareness that ‚peace‘ has been used to justify wars. People should be engaged into further conversations about their own definitions of peace.

Das Motiv kam am 4. September 2026 an die Wand.

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