Zukünftige Städte – städtische Zukünfte

– Ein Gespräch mit den Gestalterinnen des Wandbildes zum SDG 11.

Sophia Leipert, Nina Manz, Charlotte Niewerth und Anna Seum haben Urban Design, Architektur und Soziologie an der HafenCity Universität Hamburg studiert und gemeinsam das Motiv für das aktuelle Wandbildbanner zu SDG 11: “Nachhaltige Städte und Gemeinden” entworfen.

Im folgenden Gespräch aus dem Mai 2021 erzählen sie von ihrer Zusammenarbeit, dem Entstehungsprozess und den Ideen, die zur Gestaltung des Motivs geführt haben:

Ihr habt im Team das aktuelle Wandbild zum SDG 11 gestaltet. Wie habt ihr euch als Gruppe zusammengefunden?

Wir sind Freundinnen, Gestalterinnen aus der Architektur, Soziologie und Urban Design und haben gemeinsam studiert. Durch die Covid-Pandemie hat sich Vieles ins Digitale verlagert, so wie etwa die Inszenierung eines Stückes des Münchner Schauspielhauses. Um dies und weiteres zusammen zu schauen, um kulturelle Perspektiven wieder mehr in unseren Alltag zu integrieren, haben wir angefangen, uns hierfür zu versammeln. Irgendwann kam Nina auf die Idee: warum nicht auch gemeinsam Kunst machen? That’s how it started.

Wie habt ihr von dem Projekt „Globale Ziele – lokal gestaltet“ erfahren und was hat euch motiviert teilzunehmen?

Der Aufruf, das Bild zu gestalten, hat uns über Prof. Kathrin Wildner, eine ehemalige Lehrende der HafenCity Universität, an der wir gemeinsam studieren/studierten, erreicht. Wie gesagt, die Bildungsbürgerinnen, die wir sind, haben Kultur im Alltag vermisst. Die Vorstellung, selbst ein Wandbild zu gestalten, war sowohl eine willkommene Abwechslung als auch eine Herausforderung für uns. Wir verstehen uns als politisch, haben uns in unserem Studium viel mit Kritik an bestehenden urbanen Konstellationen, aber auch Imaginationen von gerechteren Zukünften beschäftigt. Deshalb schien uns die Möglichkeit einer kritischen Perspektive auf das SDG 11, welches sich mit urbanen Entwicklungen beschäftigt, sehr passend.

Welche Rolle spielen Kunst und künstlerisches Gestalten im öffentlichen Raum für euch?

Der öffentliche Raum sollte den pluralen Charakter der Stadt selbst abdecken, was leider immer öfter zu kurz kommt, denkt man etwa an gated communities (Anm.: geschlossene Wohnkomplexe mit verschiedenen Arten von Zugangsbeschränkungen). Kunst kann vieles sein und sollte auch mit einer gewissen Lockerheit behandelt werden. Dennoch ist das künstlerische Gestalten für uns mit dem Anspruch des Politischen versehen. Das umschließt Kritik, aber auch Freude. Kunst kann diese Aspekte wunderbar verbinden und somit als Ausdruck der Pluralität verschiedene Perspektiven aus unterschiedlichen Positionen sichtbar machen. Sie gibt auch nicht eine bestimmte Interpretation vor, sondern soll Anstoß zum Nachdenken geben. Diese Sichtbarkeit ist insbesondere dann wichtig, wenn es Perspektiven sind, die sonst marginalisiert werden. Dass unsere Perspektive eine marginalisierte ist, können wir glücklicherweise heute weniger behaupten als noch vor einigen Jahren, aber als Feminist*innen gibt es noch viel zu tun und zu sagen.

Wie hat sich die Idee zu eurem Motiv entwickelt? Welche Botschaft(en) wolltet ihr damit zum Ausdruck bringen und warum habt ihr das Zitat von Eva von Redecker in das Bild integriert?

Als gedankliche und gestalterische Inspiration für unser Motiv dient uns als Ausgangspunkt Eva von Redeckers Metapher von Pilzgeflechten – Myzel genannt – zur Veranschaulichung wechselseitiger, (nicht-)menschlicher Abhängigkeiten. Sie schreibt:

“Pilze und Menschen unterscheiden sich unter anderem darin, dass Menschen vermittelt durch symbolische Repräsentation auf ihr Verhalten reflektieren und Entscheidungen treffen können. Wir sind nicht dieselben Wesen wie Pilze. Vielmehr sind wir die Sorte von Wesen, die sich entscheiden könnte, wie Pilze zu sein. Unsere Natur legt unser Leben nicht fest. Unsere Wildheit muss nicht Terror, sie kann nährende, hochsprudelnde Freiheit sein. Das wiederum bedeutet auch, dass die Angst um das Leben uns nicht geradewegs unters Schwert laufen lässt. Wir können uns auch daran machen, untergründige Zusammenhänge auszubilden und sie köstlich zu füllen. So würden wir nicht nur einander das Leben retten, sondern auch das Leben selbst: Es wäre pulsierende Verbundenheit und kein passiver Besitzstand.” (Eva v. Redecker, “Revolution für das Leben”, 2020, S. 183, S. Fischer Verlag)

Ihre Metapher, die etwa auch von der afroamerikanischen Autorin RL Watson hinsichtlich der Organisationsform von Black Lives Matter verwendet wird, verwenden wir zu Beginn des Gestaltungsprozesses, um die Vorstellung von urbanen Gefügen als Räume stetigen Austausches darzustellen, hervorzuheben und zu feiern. Letztendlich entscheiden wir uns, die Pilze nicht auch in die Bildsprache zu übernehmen, aufgrund einiger negativer Konnotationen, unklarer Differenzierungsmöglichkeiten etc. Dennoch ist auch das finale Bild untrennbar mit diesem Prozess verbunden, bei welchem wir viel gelernt und diskutiert haben. Wer genau schaut, findet vielleicht auch eine Referenz in dem finalen Bild.

Stattdessen beschäftigen wir uns unvermittelter mit dem Inhalt dieser Metapher: das urbane Gefüge als ein Miteinander, ein gemeinsam produzierter Raum. Indem wir den Fokus auf die Imagination einer Alternative legen, verstärken wir unsere feministische Perspektive auf die Stadt. Die vermeintliche Dichotomie des öffentlichen und privaten ist ein wichtiges feministisches Thema: das Zuhause ist noch immer der gefährlichste Ort. Der Prozess der Imagination ist solidarisch, nicht vereinzelt. Die drei Frauen imaginieren und produzieren gleichzeitig. Sie – wie Eva von Redecker – wissen, dass wir, wenn wir eine wirkliche Veränderung wollen, damit heute schon beginnen müssen: etwa in der Veränderung unserer sozialen Beziehungen. Das drückt für uns Hoffnung und Optimismus aus – etwas, was wir uns angesichts der verheerenden Zustände draußen und drinnen dringend bewahren müssen.

Das Bild zeigt aber auch, dass wir vieles bereits im Alltag praktizieren, was wir als integralen Bestandteil einer Utopie sehen würden. Praktiken des Sorgetragens, des Füreinander da seins, des Widerstands, des Protestes, des Aufbauens auch kleiner Projekte. Auch die Stimmen werden immer lauter, die sich grundlegende Revolutionen wünschen – von Black Lives Matter bis zur Klimagerechtigkeitsbewegung.

Was hat euch die Zusammenarbeit an diesem Bild bedeutet?

Das Wandbild zum SDG 11 “Sustainable Cities and Communities” ist – wie die Stadt – im Prozess entstanden. In wiederkehrenden Diskussionsformaten mit den Initiatorinnen und uns als Gestalterinnen machten wir uns auf die Suche nach Formen der Darstellung, die über die Kritik an bestehenden urbanen Macht- und Entscheidungsmechanismen in das Imaginative übergehen. Dabei begleiten uns Diskussion, Kontroversen und Frustration genauso wie Lachen, Wein und gutes Essen, Nachdenken und Entwicklung.
Die (digitale) Zusammenarbeit in verschiedenen Konstellationen war dabei sehr fruchtbar für den Prozess und gleichzeitig mussten Entscheidungen getroffen werden, die nie alle Themen abdecken konnten. Letztlich sind wir froh, eine ko-produzierte Lösung gefunden zu haben, die sowohl ein klares Motiv darstellt als auch die Vielschichtigkeit dieser Thematik andeutet.

Welche Inspirationen zieht ihr aus dem SDG 11? Wo seht ihr Hürden oder Widersprüche in den Zielen und der Umsetzung dieses Nachhaltigkeitsziel?

Mit dem SDG 11 gehen neben Forderungen nach der Schaffung von sicheren, inklusiven, gerechten und nachhaltigen Städten auch Fragen nach (Un)Zugänglichkeiten zu privaten und öffentlichen Räumen einher. Welche Vorstellungen von Sicherheit und Inklusion liegen beispielsweise der Forderung nach der Sanierung von Slums zugrunde? Und um wessen Sicherheit geht es?

Mit dem Bild und dem Zitat von Eva von Redecker möchten wir im Lichte aktueller Entwicklungen und Vorhaben dazu auffordern, auch das Bestehende wahrzunehmen, anzuerkennen und wertzuschätzen. Nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet neben ökologischen Gesichtspunkten auch immer soziale Nachhaltigkeit. Zukünftige Städte oder städtische Zukünfte werden von uns allen – als Stadtbewohner*innen – gestaltet und geplant!

Vielen Dank für eure Antworten, für die Zusammenarbeit und für euer inspirierendes Motiv!

Ein Kommentar zu “Zukünftige Städte – städtische Zukünfte”

  1. Pingback: Wer gestaltet die Stadt? – globalgoals.hamburg

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